Transport und Logistik unter Druck: Die Beschäftigten dürfen nicht die Rechnung zahlen
von Ralf Vüllings (Kommentare: 0)
Deutschland ist auf eine funktionierende Transport- und Logistikbranche angewiesen. Millionen Tonnen Güter werden täglich bewegt, Waren ausgeliefert und Lieferketten am Laufen gehalten. Berufskraftfahrerinnen und Berufskraftfahrer, Beschäftigte in Lagerhallen, Dispositionsbüros, Werkstätten, Zustelldiensten und im Schienenverkehr sorgen dafür, dass Wirtschaft und Gesellschaft funktionieren.
Doch während Unternehmen, Verbraucher und Industrie auf eine zuverlässige Logistik angewiesen sind, stehen viele Beschäftigte unter erheblichem Druck. Personalmangel, steigende Arbeitsbelastungen, Zeitdruck und zunehmende Leistungsanforderungen prägen vielerorts den Arbeitsalltag.
Die Bedeutung der Branche in Zahlen
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden 2024 in Deutschland rund 4,2 Milliarden Tonnen Güter transportiert. Mit etwa 2,8 Milliarden Tonnen entfiel der größte Anteil auf den Straßengüterverkehr. Die Eisenbahn transportierte rund 328 Millionen Tonnen Güter, die Binnenschifffahrt knapp 172 Millionen Tonnen.
Diese Zahlen verdeutlichen die enorme Bedeutung der Transport- und Logistikbranche für Deutschland. Sie zeigen jedoch nicht, unter welchen Bedingungen die Beschäftigten arbeiten, die diese Leistungen Tag für Tag erbringen.
Personalmangel ist auch eine Folge der Arbeitsbedingungen
Unternehmen sprechen häufig von einem Fachkräftemangel. Tatsächlich lassen sich zahlreiche Stellen nur schwer besetzen. Die Bundesagentur für Arbeit zählte in ihrer Fachkräfteengpassanalyse für 2025 insgesamt 157 Engpassberufe.
Aus Sicht der Beschäftigten greift es jedoch zu kurz, die Ursachen ausschließlich bei fehlenden Bewerberinnen und Bewerbern zu suchen.
Wo Löhne nicht mit der Belastung Schritt halten, Arbeitszeiten nur schwer planbar sind und Beschäftigte regelmäßig nachts, an Wochenenden oder Feiertagen arbeiten müssen, verlieren Berufe zwangsläufig an Attraktivität.
Für die Gewerkschaft Transport & Logistik (GTL) ist deshalb klar: Wer über die Zukunft der Branche spricht, muss zuerst über die Arbeitsbedingungen der Menschen sprechen, die täglich dafür sorgen, dass Waren und Güter ihr Ziel erreichen.
Im Straßengüterverkehr kommen lange Abwesenheiten von der Familie, fehlende Lkw-Parkplätze, teilweise unzureichende sanitäre Einrichtungen und ein hoher Termindruck hinzu.
Beschäftigte in Lagern und Verteilzentren leiden häufig unter Schichtarbeit, monotonen Bewegungsabläufen, schwerem Heben und einer engmaschigen digitalen Leistungskontrolle. Bei Paket- und Zustelldiensten sorgen steigende Sendungsmengen sowie zunehmende körperliche Anforderungen für zusätzliche Belastungen.
Das Bundesamt für Logistik und Mobilität untersucht regelmäßig die Arbeitsmarkt- und Ausbildungssituation im Fahrerbereich. Die Berichte zeigen deutlich, dass der Personalmangel nicht getrennt von den tatsächlichen Arbeitsbedingungen betrachtet werden kann.
Wer neue Fachkräfte gewinnen möchte, muss deshalb zunächst dafür sorgen, dass diejenigen, die bereits heute in der Branche arbeiten, gesund, motiviert und unter fairen Bedingungen bis zum Renteneintritt beschäftigt bleiben können.
Der sogenannte Fachkräftemangel ist zumindest teilweise auch ein Problem mangelnder Arbeitsqualität.
Die GTL als starke Interessenvertretung der Beschäftigten
Die Gewerkschaft Transport & Logistik (GTL) wurde 1992 von Berufskraftfahrerinnen und Berufskraftfahrern gegründet. Seit der Erweiterung ihres Organisationsbereichs im Jahr 2021 vertritt sie nicht mehr ausschließlich Beschäftigte im Straßengüterverkehr, sondern auch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Warenlagern, Werkstätten, Zustelldiensten und Verwaltungsbereichen.
Die GTL verfolgt damit bewusst einen branchenübergreifenden Ansatz. Transport, Lagerlogistik, Werkstatt, Zustellung und Verwaltung werden als Teile einer gemeinsamen Logistikkette verstanden. Fällt ein Bereich aus oder werden Beschäftigte dauerhaft überlastet, wirkt sich das auf das gesamte System aus.
Zu den zentralen gewerkschaftlichen Forderungen gehören:
- gerechte und existenzsichernde Löhne,
- sozial ausgewogene Arbeitsbedingungen,
- planbare Arbeits- und Schichtzeiten,
- Respekt am Arbeitsplatz,
- wirksamer Arbeits- und Gesundheitsschutz,
- starke Mitbestimmung sowie
- umfassender Rechtsschutz für Mitglieder.
Gerade in einer Branche mit vielen kleinen und mittleren Unternehmen, Subunternehmen und komplexen Auftragsketten ist eine starke Interessenvertretung von besonderer Bedeutung. Einzelne Beschäftigte haben häufig nur begrenzte Möglichkeiten, sich gegen unbezahlte Mehrarbeit, unklare Arbeitszeiten oder ungerechtfertigten Druck zur Wehr zu setzen.
Preisdruck wird entlang der Lieferkette weitergegeben
Die Transport- und Logistikbranche ist von einem harten Preis- und Konkurrenzkampf geprägt. Große Auftraggeber vergeben Transporte häufig an Subunternehmen, die wiederum weitere Unternehmen beauftragen.
Am Ende dieser oftmals langen Auftragsketten stehen nicht selten kleine Betriebe, Solo-Selbstständige oder Fahrerinnen und Fahrer aus dem europäischen Ausland.
Dieser Wettbewerbsdruck erhöht die Gefahr, dass soziale und gesetzliche Standards unterlaufen werden. Unbezahlte Arbeitszeiten, fehlerhafte Zeiterfassung, Verstöße gegen Lenk- und Ruhezeiten oder unklare Beschäftigungsverhältnisse sind keine bloßen Verwaltungsfehler. Sie gefährden Einkommen, Gesundheit und letztlich auch die Verkehrssicherheit.
Aus gewerkschaftlicher Sicht dürfen daher nicht ausschließlich einzelne Fahrer oder kleine Unternehmen kontrolliert werden. Auch große Auftraggeber müssen Verantwortung für die Bedingungen innerhalb ihrer Lieferketten übernehmen.
Faire Löhne und planbare Arbeitszeiten
Eine der wichtigsten Forderungen der Beschäftigten betrifft die Bezahlung.
Berufskraftfahrerinnen und Berufskraftfahrer bewegen schwere Fahrzeuge, tragen Verantwortung für wertvolle Ladungen und müssen auch unter schwierigen Verkehrsbedingungen hochkonzentriert arbeiten. Gleichzeitig sorgen Beschäftigte in Lagern, Werkstätten und Dispositionen dafür, dass die Lieferketten funktionieren.
Trotz dieser Verantwortung steht die Vergütung vieler Beschäftigter häufig nicht im Verhältnis zu Belastung und Anforderungen.
Neben einer angemessenen Grundvergütung braucht es transparente Zuschläge für Nachtarbeit, Wochenenden, Feiertage und Überstunden.
Genauso wichtig sind verlässliche Dienst- und Schichtpläne. Kurzfristige Änderungen erschweren die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit erheblich.
Die Forderung nach fairen Löhnen und planbaren Arbeitszeiten ist deshalb weit mehr als eine finanzielle Frage. Sie ist eine Voraussetzung für Gesundheit, soziale Teilhabe und ein stabiles Familienleben.
Mitbestimmung und gewerkschaftliche Organisation stärken
Gute Arbeitsbedingungen entstehen selten von allein.
Beschäftigte benötigen funktionierende Betriebsräte, rechtliche Beratung und starke gewerkschaftliche Unterstützung. Gerade in kleineren Betrieben fehlt jedoch häufig eine betriebliche Interessenvertretung.
Wer einen Betriebsrat gründen oder Missstände offen ansprechen möchte, darf keine Nachteile befürchten müssen. Betriebsratswahlen müssen wirksam geschützt und Behinderungen konsequent verfolgt werden.
Eine starke gewerkschaftliche Organisation erhöht die Möglichkeiten, gemeinsame Interessen erfolgreich gegenüber Arbeitgebern durchzusetzen. Sie verhindert, dass Beschäftigte gegeneinander ausgespielt werden, beispielsweise Stammbelegschaften gegen Leiharbeitnehmer oder inländische gegen ausländische Beschäftigte.
Digitalisierung muss den Beschäftigten dienen
Automatisierte Lagertechnik, künstliche Intelligenz, digitale Tourenplanung und perspektivisch autonomes Fahren werden die Branche nachhaltig verändern.
Diese Entwicklungen bieten Chancen. Sie können körperlich belastende Arbeit reduzieren und Prozesse effizienter gestalten.
Gleichzeitig bestehen Risiken. Arbeitsplatzabbau, permanente Überwachung und eine weitere Verdichtung der Arbeit dürfen nicht die Folge technischer Innovationen sein.
Bereits heute geben digitale Systeme in vielen Bereichen Arbeitsgeschwindigkeit, Fahrtrouten und Pausenzeiten vor. Beschäftigte dürfen dabei nicht das Gefühl bekommen, ausschließlich von Algorithmen gesteuert zu werden.
Deshalb müssen Betriebsräte und Gewerkschaften frühzeitig an der Einführung neuer Technologien beteiligt werden. Beschäftigte benötigen zudem ein Recht auf Weiterbildung und Qualifizierung während der Arbeitszeit.
Gute Logistik braucht gute Arbeit
Die Herausforderungen der Transport- und Logistikbranche lassen sich nicht dauerhaft durch mehr Überstunden, zusätzliche Subunternehmen oder die reine Anwerbung neuer Arbeitskräfte lösen.
Deutschland benötigt Investitionen in Infrastruktur, moderne Logistikzentren, Straßen, Schienen, Umschlaganlagen und sichere Parkplätze.
Vor allem aber braucht es Investitionen in die Menschen, die diese Infrastruktur täglich nutzen und betreiben.
Aus Sicht der Beschäftigten gehören dazu:
- faire und existenzsichernde Löhne,
- planbare Arbeits- und Schichtzeiten,
- ausreichende Erholungsphasen,
- wirksamer Arbeits- und Gesundheitsschutz,
- vollständige Bezahlung aller geleisteten Arbeitsstunden,
- wirksame Kontrollen entlang der gesamten Auftragskette,
- sichere Arbeitsplätze,
- starke Mitbestimmung,
- Qualifizierung im Zuge der Digitalisierung,
- bessere Bedingungen an Rast- und Parkplätzen,
- mehr gesellschaftliche Anerkennung für die Beschäftigten.
Gute Logistik entsteht nicht allein durch moderne Technik, digitale Systeme oder neue Fahrzeuge. Entscheidend sind die Menschen, die täglich Verantwortung übernehmen und unsere Versorgung sichern.
Wer die Zukunft der Branche sichern will, muss deshalb in die Beschäftigten investieren. Respekt zeigt sich nicht in Sonntagsreden, sondern in fairer Bezahlung, verlässlichen Arbeitszeiten, sicheren Arbeitsplätzen und einer starken Mitbestimmung.
Denn hinter jeder Lieferung, jeder Fahrt und jeder Sendung stehen Menschen. Gute Logistik braucht gute Arbeit.